
Jeder Mensch ist mehr als die Summe seiner Lebensdaten.
Denn das Wertvollste eines Menschen passt in keinen Lebenslauf..
Warum ich Trauerrednerin geworden bin
Es gibt Momente im Leben, die den eigenen Blick auf die Welt verändern.
Für mich war einer dieser Momente der Abschied von meiner Oma.
Sie war ein Mensch, der immer für andere da war. Jemand, der mit offenen Armen, einem warmen Herzen und großer Selbstverständlichkeit geholfen hat. Für ihre Familie hätte sie alles gegeben.
Umso schwerer fiel es mir, als ihr letzter Abschied so ganz anders war, als ich ihn mir für sie gewünscht hätte.
Die Trauerfeier war kurz, unpersönlich und ließ kaum Raum für Erinnerungen an den Menschen, der sie gewesen war.
Ich erinnere mich noch heute an das Gefühl, nach Hause zu fahren und zu denken:
„Sie hätte etwas anderes verdient.“
Nicht größer.
Nicht lauter.
Sondern persönlicher.
Einen Abschied, der zeigt, wer sie war.
Der Dankbarkeit ausdrückt.
Der ihrem Leben gerecht wird.
Damals wusste ich noch nicht, dass mich dieses Erlebnis einige Jahre später auf meinen eigenen Weg führen würde.
Der Moment, der alles verändert hat
Als mein Schwiegervater in diesem Jahr verstarb, übernahm ich vieles, was rund um die Trauerfeier zu organisieren war.
Ich führte Gespräche mit dem Bestatter, formulierte die Todesanzeige und schrieb zunächst einige persönliche Worte, die ich während der Zeremonie sagen wollte.
Durch einen Zufall entstand daraus etwas viel Größeres.
Der Bestatter ging davon aus, dass ich die komplette Rede übernehmen würde und hatte seine Planung bereits entsprechend angepasst.
Also setzte ich mich hin und schrieb.
Dabei war mir eines besonders wichtig:
Ich wollte keinen Lebenslauf vorlesen.
Ich wollte von dem Menschen erzählen, den ich kennenlernen durfte.
Von kleinen Momenten.
Von Eigenschaften, die ihn ausgemacht haben.
Von Erinnerungen, in denen er bis heute weiterlebt.
Nach der Trauerfeier kamen viele Angehörige auf mich zu.
Ein Satz ist mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben.
„Wenn es bei mir einmal so weit ist, möchte ich, dass du meine Trauerrede hältst.“
In diesem Moment wurde mir klar, dass ich etwas gefunden hatte, das Menschen wirklich hilft.
Nicht durch perfekte Worte.
Sondern dadurch, dass sie sich und ihren geliebten Menschen darin wiederfinden.
Ich glaube, jeder Mensch verdient einen Abschied, der seine Geschichte erzählt.
Nicht irgendeine Geschichte.
Sondern genau die, die nur dieser eine Mensch hinterlassen hat.
Und genau deshalb begleite ich heute Angehörige als freie Trauerrednerin.
Ich schreibe keine Rede über einen Verstorbenen. Ich erzähle die Geschichte eines Menschen.
Mit allem, was ihn einzigartig gemacht hat.
